Bei älteren Menschen wurde ein einfacher Indikator für einen künftigen Gedächtnisverlust entdeckt

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Ärzte haben in ungewöhnlichen Reflexen ein Frühwarnzeichen für Demenz entdeckt
19:00, 12.06.2026

Bestimmte körperliche Reaktionen, die bei Säuglingen üblich sind, verschwinden bei Erwachsenen fast immer. So kann ein Kind beispielsweise den Finger fest umklammern, wenn man ihn in seine Hand legt. Oder es spitzt die Lippen, wenn man den Bereich um den Mund leicht berührt.



Bei älteren Menschen treten solche Reflexe manchmal wieder auf. Eine neue Studie hat gezeigt: Wenn eine Person über 70 Jahre ohne Gedächtnis- oder Denkstörungen zwei oder mehr solcher Reflexe aufweist, kann dies mit einem erhöhten Risiko für eine spätere Demenz verbunden sein.

Wichtiger Hinweis: Dies ist kein Selbsttest und keine Diagnose. Anhand solcher Reflexe lässt sich Demenz nicht selbstständig feststellen. Sie müssen von einem Arzt untersucht werden, und zwar nur in Verbindung mit weiteren Untersuchungen.

Details

Die Studie wurde in JAMA Network Open veröffentlicht.

Die Wissenschaftler verwendeten Daten von 873 Teilnehmern über 70 Jahren aus dem Alzheimer-Forschungszentrum der Universität von Kentucky. Die Beobachtungen erstreckten sich von 2005 bis 2024.

Zu Beginn waren bei 672 Teilnehmern Gedächtnis und Denkvermögen intakt. Bei weiteren 201 Personen lagen bereits leichte kognitive Beeinträchtigungen vor – das heißt, leichte Probleme mit dem Gedächtnis oder dem Denkvermögen, jedoch keine Demenz.

Bei den jährlichen Untersuchungen überprüften die Ärzte die sogenannten „frontal release signs“. Auf Deutsch lassen sich diese als „primitive Reflexe“ beschreiben, die normalerweise bei Säuglingen auftreten und mit der Reifung des Gehirns verschwinden.

Dazu gehören der Greifreflex, bei dem sich die Handfläche unwillkürlich zusammenzieht; der Rüsselreflex, bei dem sich die Lippen ausstrecken, wenn der Bereich um den Mund herum gereizt wird; der Hand-Kinn-Reflex, bei dem das Kinn zuckt, wenn die Handfläche gereizt wird; sowie die Reaktion auf ein Klopfen zwischen den Augenbrauen, bei der die Person weiterhin häufig blinzelt.

Das wichtigste Ergebnis wurde bei Personen erzielt, die zu Beginn der Studie keine kognitiven Beeinträchtigungen aufwiesen. Unter denjenigen, bei denen zwei oder mehr solcher Reflexe festgestellt wurden, entwickelte sich später bei 25,4 % eine Demenz. Bei den Personen mit nur einem solchen Reflex oder ohne diese Reflexe lag die Rate bei 14,5 %. Das Risiko war also fast 1,8-mal höher.

Interessanterweise halfen diese Reflexe bei Menschen, die bereits leichte kognitive Beeinträchtigungen aufwiesen, nicht so gut dabei, das weitere Demenzrisiko vorherzusagen. Das heißt, das Signal erwies sich gerade in einem früheren Stadium als am nützlichsten – als noch keine offensichtlichen Gedächtnisprobleme vorlagen.

Warum dies wichtig ist

Man versucht, Demenz so früh wie möglich zu erkennen. Je früher Ärzte das Risiko bemerken, desto mehr Zeit bleibt für die Beobachtung, die genauere Diagnose sowie die Unterstützung des Patienten und seiner Familie.

Derzeit werden zur Risikobewertung verschiedene Methoden eingesetzt: Gedächtnis- und Denktests, MRT, PET-Scans, Untersuchungen der Rückenmarksflüssigkeit sowie neue Bluttests auf Biomarker für Alzheimer und andere Prozesse. Solche Methoden sind jedoch nicht immer verfügbar, können kostspielig sein oder spezielle Geräte erfordern.

Die Überprüfung der Reflexe ist ein einfacher, schneller und kostengünstiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung. Die Autoren sind der Ansicht, dass sie dem Arzt einen zusätzlichen Anhaltspunkt liefern kann. Sie betonen jedoch ausdrücklich: Die Sensitivität solcher Anzeichen ist gering, weshalb sie nicht isoliert als Screening-Maßnahme eingesetzt werden können.

Mit anderen Worten: Sie sind kein Ersatz für Laboruntersuchungen, Bildgebungsverfahren oder kognitive Tests. Es handelt sich um ein weiteres kleines Anzeichen, das dem Arzt helfen kann zu entscheiden, wer einer genaueren Beobachtung bedarf.

Hintergrund

Bei Säuglingen sind primitive Reflexe ein normaler Teil der Entwicklung. Sie treten auf, weil das Nervensystem noch nicht ausgereift ist. Im Zuge der Gehirnentwicklung werden diese Reaktionen in der Regel unterdrückt.

Wenn ähnliche Reflexe bei Erwachsenen oder älteren Menschen auftreten, kann dies darauf hindeuten, dass die Kontrolle durch das Gehirn geschwächt ist. Dies tritt bei Hirnschädigungen, bestimmten neurologischen Erkrankungen und neurodegenerativen Prozessen auf – also bei Zuständen, bei denen Nervenzellen allmählich geschädigt werden oder absterben.

Früher wurden solche Reflexe bereits mit Demenz in Verbindung gebracht. Die neue Studie ist insofern wichtig, als sie untersucht hat, ob sie bereits früh auftreten können – noch bevor sich das Gedächtnis und das Denkvermögen deutlich verschlechtern.

Die Studie weist jedoch Einschränkungen auf. Sie wurde an einem einzigen Zentrum durchgeführt, und die Teilnehmer waren im Durchschnitt gut ausgebildet und in ihrer Zusammensetzung nicht sehr vielfältig. Zudem können verschiedene Ärzte solche Reflexe leicht unterschiedlich bewerten. Daher müssen die Ergebnisse an größeren Personengruppen bestätigt werden.

Quelle

Studie: Lauren G. Bojarski, Gregory A. Jicha, Elif Pinar Coskun, Frederick A. Schmitt, Linda Van Eldik, Erin L. Abner. Frontal Release Signs and Future Decline in Research Participants With Intact Cognition. Zeitschrift JAMA Network Open, 2026.

Elena Rasenko

Elena Rasenko schreibt über Neuigkeiten aus Wissenschaft, gesunder Lebensweise und Psychologie und teilt ihre Tipps und Tricks zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

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