Die Schwerkraft hält nicht nur den Körper, sondern auch das Bewusstsein – was geschieht, wenn sie verschwindet

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Der Weltraum als natürliches Psychedelikum: Wissenschaftler haben die Schwerelosigkeit mit der Wirkung von LSD auf das Gehirn verglichen
22:00, 16.06.2026

Kosmonauten berichten seit langem von seltsamen Erfahrungen in der Schwerelosigkeit: dem Gefühl der „Ausdehnung“, der Distanz zu sich selbst und manchmal auch der plötzlichen Einheit mit dem Universum. Der Astronaut der Apollo-14-Mission, Edgar Mitchell, berichtete, dass ihm der Anblick der Erde vom Mond aus die internationale Politik „kleinlich“ erscheinen ließ. Viele kehrten mit veränderten Wertvorstellungen und einer neuen Lebenseinstellung zurück.



Bislang wurde dies als poetische Übertreibung oder als psychologische Reaktion auf eine extreme Erfahrung abgetan.

Eine neue wissenschaftliche Studie, die in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ veröffentlicht wurde, bietet eine andere Erklärung: Es liegt an der Schwerkraft. Genauer gesagt – an deren Fehlen.

Nach Ansicht der Autoren hat das menschliche Gehirn über Jahrtausende hinweg seine Wahrnehmung der Realität um die Schwerkraft als zentralen Bezugspunkt herum aufgebaut. Nimmt man diese weg, ist das Bewusstsein gezwungen, sich von Grund auf neu zu organisieren.

Ein wichtiger Vorbehalt: Es handelt sich um eine theoretische Übersichtsarbeit und nicht um ein neues Experiment. Die Autoren haben Daten aus bestehenden Studien zusammengetragen und neu interpretiert und dabei einen neuen konzeptionellen Rahmen vorgeschlagen. Die Schlussfolgerungen sind interessant, müssen jedoch in zukünftigen Experimenten überprüft werden.

Details

Beginnen wir damit, wie das Gehirn überhaupt erkennt, wo sich der Körper befindet. Das Innenohr teilt dem Gehirn ständig mit, wo sich „unten“ befindet. Dieses Signal ist so stabil und beständig, dass das Gehirn es nicht mehr wahrnimmt – es nimmt die Schwerkraft einfach als gegeben hin und integriert sie in seine grundlegenden Erwartungen darüber, wie die Welt funktioniert. Wissenschaftler bezeichnen dies als „Superprior“ – also die stärkste und zuverlässigste Hintergrundannahme, auf der die gesamte übrige Wahrnehmung beruht.

In der Schwerelosigkeit verschwindet dieses Signal. Das Gehirn erhält widersprüchliche Daten: Das Innenohr schweigt, während sich der Körper ungewöhnlich verhält. Es beginnt eine Kette von „Vorhersagefehlern“ – das Gehirn versucht immer wieder, das, was es erwartet hat, mit dem, was es spürt, in Einklang zu bringen, und schafft es nicht. Es muss seine Vorstellungen von der Realität buchstäblich neu schreiben.

Genau dies, so die Autoren, führt zu jenen seltsamen Zuständen, von denen die Kosmonauten berichten. In den frühen Phasen treten Desorientierung und Übelkeit auf: Das Gehirn gerät in Panik. Dann folgt eine allmähliche Anpassung, doch damit einher geht auch eine Verwischung der gewohnten Grenzen zwischen „dem Selbst“ und „der Welt um einen herum“. Das Körpergefühl wird instabil. Die Wahrnehmung des Raums verändert sich.

Und manchmal eröffnet dies etwas Unerwartetes. Viele Kosmonauten beschreiben den sogenannten „Overview-Effekt“ – ein plötzliches Gefühl der Ehrfurcht und der Einheit beim Anblick der Erde aus dem Weltraum. Der zerbrechliche blaue Planet vor dem Hintergrund der Dunkelheit löst eine sofortige Neubewertung von Werten, ökologische Besorgnis und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit der Menschheit aus. Derselbe Mechanismus, der Desorientierung hervorruft, eröffnet offenbar auch den Zugang zu ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen.

Dies wird auch durch physikalische Daten bestätigt. Aufnahmen des Gehirns vor und nach Langzeitmissionen zeigen reale Veränderungen: Die Flüssigkeit im Kopf verteilt sich neu, die Hirnventrikel vergrößern sich, das Volumen der grauen Substanz in bestimmten Bereichen verändert sich. Neuronale Netzwerke werden umstrukturiert. Das Netzwerk des passiven Betriebsmodus des Gehirns – jenes, das mit dem Selbstbewusstsein und dem inneren Dialog verbunden ist – schwächt sich vorübergehend ab. Die Elektroenzephalografie zeigt eine Abnahme der Alpha-Rhythmen, was üblicherweise mit erhöhter Erregbarkeit und einer Schwächung der inneren Hemmmechanismen in Verbindung gebracht wird.

Die Autoren weisen auf die Ähnlichkeit dieses Bildes mit dem hin, was im Gehirn unter dem Einfluss von Psychedelika – wie LSD oder Psilocybin – geschieht. In beiden Fällen wird das Gehirn weniger hierarchisch, seine Bereiche beginnen, freier miteinander zu kommunizieren, und die gewohnten Wahrnehmungsrahmen schwächen sich ab. Es ist jedoch wichtig, dies nicht zu verwechseln: Das bedeutet nicht, dass Schwerelosigkeit und Drogen dasselbe sind. Es handelt sich um ein ähnliches Ergebnis der Gehirnaktivität, das jedoch unterschiedliche Ursachen hat.

Warum dies wichtig ist

Das Verständnis dafür, wie die Schwerkraft das Bewusstsein prägt, ist in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung.

Erstens – aus praktischer Sicht. Die kommerzielle Raumfahrt entwickelt sich rasant, und in den kommenden Jahren werden sich Tausende von Menschen ohne spezielle Vorbereitung in der Schwerelosigkeit wiederfinden. Wenn veränderte Wahrnehmungszustände kein Zufall, sondern ein vorhersehbarer neurokognitiver Effekt sind, muss man sich darauf im Voraus vorbereiten.

Zweitens: wissenschaftlich. Der Weltraum bietet ein einzigartiges „natürliches Labor“ für die Erforschung des Bewusstseins: Er beseitigt einen der grundlegendsten Faktoren, die die Wahrnehmung prägen, ohne jegliche chemische Eingriffe. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für die Neurowissenschaften.

Drittens: der therapeutische Aspekt. Die Autoren vermuten vorsichtig, dass kontrollierte Eingriffe in die Schwerkraftwahrnehmung – beispielsweise durch spezielle Trainingsgeräte oder virtuelle Realität – könnten eines Tages zur Behandlung von Zuständen eingesetzt werden, die mit „festgefahrenem“ Denken verbunden sind, wie etwa Depressionen oder PTBS. Doch dies ist bislang eine Zukunftsvision und keine ausgereifte Therapie.

Hintergrund

Die Bewusstseinsforschung ist eines der komplexesten und umstrittensten Forschungsgebiete. Wir verstehen bis heute nicht vollständig, wie physische Prozesse im Gehirn subjektive Erfahrungen hervorbringen. Die neue Arbeit reiht sich in eine wachsende Tradition der Bewusstseinsforschung durch „natürliche Experimente“ ein – Situationen, in denen sich gewohnte Bedingungen radikal verändern und dadurch sichtbar wird, was unter normalen Umständen verborgen bleibt.

Der „Overview-Effekt“ als psychologisches Phänomen ist seit langem beschrieben, hatte jedoch bislang keine überzeugende neurobiologische Erklärung. Parallelen zu psychedelischen Zuständen werden in der Wissenschaft in den letzten Jahren ebenfalls diskutiert – in dem Maße, wie die Erforschung von Psilocybin und LSD wieder in den legalen wissenschaftlichen Bereich zurückkehrt.

Die Arbeit wurde von einem Team unter der Leitung von Annahita Nezami durchgeführt und in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ veröffentlicht. Es handelt sich jedoch um eine theoretische Übersicht und nicht um das Ergebnis eines neuen Experiments – die Autoren rufen selbst dazu auf, ihre Ideen in zukünftigen Studien im Rahmen realer Missionen zu überprüfen.

Quelle

Annahita Nezami et al., „Space Oddity: microgravity as a neurocognitive catalyst for transformative consciousness experiences“, Frontiers in Psychology (2026).

Mykola Potyka

Mykola Potyka verfügt über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Mykola schreibt auf interessante Weise über Dinge, die ihn interessieren.

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