Mutig, vorsichtig und schlagfertig: Auch Affen haben einen „Charakter“

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Wagemutig oder vorsichtig: Warum Affen Aufgaben unterschiedlich lösen
Quelle: CC0 Public Domain
23:00, 18.06.2026

Menschenaffen werden oft als eine Gruppe beschrieben: Schimpansen können das eine, Gorillas das andere und Orang-Utans das dritte. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass sich die Tiere selbst innerhalb einer Art stark voneinander unterscheiden können.



Manche Affen orientieren sich besser an den Hinweisen des Menschen. Andere lösen Aufgaben selbstbewusster, ohne auf soziale Signale zu achten. Manche begreifen schneller, wo sie nach Nahrung suchen müssen, während andere anders vorgehen. Daher schlagen Wissenschaftler vor, Menschenaffen nicht nur als Vertreter einer Art zu betrachten, sondern als einzelne Individuen mit eigenen Erfahrungen, Stärken und Schwächen.

Die Forscher haben den Affen keine alltäglichen Etiketten wie „mutig“, „faul“ oder „stur“ zugewiesen. Sie untersuchten beständige Unterschiede darin, wie die Tiere kognitive Aufgaben lösen.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht.

Details

An der Studie nahmen 48 Menschenaffen vier verschiedener Arten teil: Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans. Die Wissenschaftler beobachteten sie nicht nur einen Tag lang, sondern über einen Zeitraum von etwa anderthalb Jahren. In dieser Zeit absolvierten die Tiere sechs verschiedene kognitive Aufgaben.

Die Aufgaben dienten dazu, verschiedene Fähigkeiten zu überprüfen. Beispielsweise wurde untersucht, ob ein Affe die Aufmerksamkeit eines Menschen verfolgen, kommunikative Hinweise verstehen, sich merken kann, wo er bereits nach Nahrung gesucht hat, oder in eher „nicht-sozialen“ Situationen logisch denken kann.

Das Ergebnis war aufschlussreich: Die Unterschiede zwischen den einzelnen Affen waren deutlich erkennbar und relativ stabil. Das heißt, ein Tier, das eine bestimmte Aufgabe besser bewältigte, behielt diese Eigenschaft oft nicht nur in einem einzigen Test bei.

Die Ergebnisse wurden nicht nur von der Art, sondern auch von individuellen Faktoren beeinflusst: der Gruppe, in der das Tier lebte, früheren Erfahrungen mit der Teilnahme an Studien, dem Geschlecht und den Aufzuchtbedingungen.

Was bedeutet „Charakter“ bei Affen?

Im Alltagssprachgebrauch könnten wir sagen: Ein Affe ist mutiger, ein anderer vorsichtiger, ein dritter denkt schneller. Für eine Überschrift funktioniert das: So kann der Leser die Idee leichter verstehen.

Die wissenschaftliche Schlussfolgerung ist jedoch präziser. Es geht darum, dass Menschenaffen individuelle Unterschiede im Denken und Verhalten aufweisen. Sie sind keine identischen „Kopien“ ihrer Art.

Das ist vergleichbar mit Menschen. In einer Klasse oder Familie können Kinder Aufgaben unterschiedlich lösen: Das eine Kind erkennt Hinweise besser, das andere merkt sich Details besser, das dritte probiert schneller neue Varianten aus. Auch bei Affen gibt es laut der Studie solche beständigen Unterschiede.

Was die Wissenschaftler überraschte

Die Forscher hatten erwartet, dass sich die verschiedenen Aufgaben in etwa so gruppieren würden, wie dies häufig bei Menschen beschrieben wird: getrennt nach sozialem Denken, getrennt nach logischem Schlussfolgern und getrennt nach Selbstkontrolle.

Bei den Menschenaffen erwies sich das Bild jedoch als komplexer. Aufgaben, die mit sozialen Signalen zusammenhingen, stimmten nicht immer miteinander überein. Wenn ein Tier eine soziale Aufgabe gut bewältigte, bedeutete dies nicht zwangsläufig, dass es eine andere ebenso gut bewältigen würde.

Dagegen standen viele nicht-soziale Aufgaben – beispielsweise solche, die mit logischem Denken zu tun hatten – häufiger in Zusammenhang miteinander. Dies deutet darauf hin, dass das Denken von Menschenaffen möglicherweise nicht ganz so aufgebaut ist, wie wir es von der Beschreibung des menschlichen Intellekts gewohnt sind.

Warum dies wichtig ist

Solche Untersuchungen tragen dazu bei, zu verstehen, wie sich der Intellekt beim Menschen und bei unseren nächsten evolutionären Verwandten entwickelt hat.

Früher stellten Wissenschaftler die Frage oft so: „Kann diese Art dies oder jenes tun?“ Zum Beispiel: Können Schimpansen einer Geste folgen, verstehen Gorillas einen Hinweis, merken sich Orang-Utans einen Ort, an dem es Futter gibt?

Die neue Studie zeigt: Das reicht nicht aus. Man muss auch fragen: Warum meistert ein Affe eine Aufgabe besser als ein anderer, selbst wenn sie derselben Art angehören?

Wenn man individuelle Unterschiede außer Acht lässt, kann man zu pauschalen Schlussfolgerungen gelangen. Man könnte beispielsweise zu dem Schluss kommen, dass die gesamte Art eine Aufgabe „nicht beherrscht“, obwohl ein Teil der Tiere diese bewältigt und ein anderer Teil aufgrund von Erfahrung, Alter, Aufzuchtbedingungen oder anderen Faktoren nicht.

Hintergrund

Zu den Menschenaffen zählen Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Unter den heute lebenden Tieren stehen sie dem Menschen am nächsten, weshalb sie häufig untersucht werden, um die Ursprünge des menschlichen Denkens zu verstehen.

Es ist jedoch schwierig, Menschen und Affen direkt miteinander zu vergleichen. Menschen verfügen über Sprache, Bildung, Kultur, Erziehung, Technologien und einen enormen sozialen Erfahrungsschatz. Affen haben eine andere Lebensweise und andere Formen der Interaktion mit der Welt.

Genau aus diesem Grund sind die Wissenschaftler vorsichtig: Die Studie besagt nicht, dass Affen wie Menschen denken. Sie besagt vielmehr, dass sich auch ihr Denken nicht auf ein einfaches Schema reduzieren lässt. Sie weisen individuelle Besonderheiten auf, und es ist wichtig, diese Besonderheiten zu berücksichtigen.

Einschränkungen

Die Stichprobe war klein – 48 Tiere. Für Untersuchungen an Menschenaffen ist dies eine normale Situation: Es gibt nur wenige dieser Tiere, die Arbeit mit ihnen ist komplex und zeitaufwendig.

Aus diesem Grund lassen sich jedoch keine allzu weitreichenden Schlussfolgerungen auf alle Affen weltweit ziehen. Es sind weitere Untersuchungen erforderlich, vorzugsweise mit Langzeitbeobachtungen, um zu verstehen, wie sich solche Unterschiede im Laufe des Lebens herausbilden und verändern.

Quelle

Studie: Manuel Bohn et al., „Individual Differences in Great Ape Cognition Across Time and Domains: Stability, Structure, and Predictability“, Psychological Science, 2026.

Maria Grynevych

Maria Grynevych, Projektmanagerin, Journalistin, Mitautorin des Reiseführers Heilige Berge der Dnjepr-Region, Vortragskurs: Kultische Topographie der mittleren Dnjepr-Region.

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