Warum ein langes Leben mehr Krankheiten mit sich bringt

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Ein langes Leben hat eine Schwachstelle der menschlichen Evolution offenbart
Die steigende Lebenserwartung verschiebt die Altersstruktur der Bevölkerung in Richtung späterer Lebensphasen – jener Phasen, in denen die biologischen Folgen von Prozessen und Mutationen sichtbar werden, die von der natürlichen Selektion nur teilweise beeinflusst wurden. Bildnachweis: FLI / Kerstin Wagner; das Bild wurde mithilfe von Google Gemini durch künstliche Intelligenz erstellt.
23:00, 12.06.2026

Warum leben die Menschen heute länger, leiden aber gleichzeitig häufiger an Alterskrankheiten? Ein neuer Übersichtsartikel in Nature Reviews Genetics erklärt dies aus evolutionärer Sicht: Unser Organismus hat sich unter Bedingungen entwickelt, unter denen das Überleben und die Fortpflanzung in jungen Jahren besonders wichtig waren, und nicht die einwandfreie Funktion des Körpers im hohen Alter.



Der Kerngedanke wird als „Schatten der Selektion“ bezeichnet. Einfach ausgedrückt: Die natürliche Selektion „erkennt“ besser jene Faktoren, die sich auf die Jugend und die Fortpflanzung auswirken. Schädliche Auswirkungen, die sich erst spät zeigen, bleiben der Evolution hingegen oft fast verborgen.

Das bedeutet nicht, dass das Altern durch einen einzigen Grund erklärt werden kann oder dass Wissenschaftler einen Weg gefunden hätten, es aufzuhalten. Es handelt sich um eine umfassende Übersichtsarbeit: Die Autoren haben Daten aus der Evolutionstheorie, der Genetik, der vergleichenden Biologie und der Erforschung von Alterungsmechanismen zusammengetragen.

Details

Die natürliche Selektion wirkt am stärksten dort, wo ein Merkmal das Überleben und die Fortpflanzung beeinflusst. Wenn eine bestimmte Eigenschaft einem jungen Organismus hilft, zu überleben, schneller zu wachsen oder Nachkommen zu zeugen, kann sie sich über Generationen hinweg festigen.

Wenn dieselbe Eigenschaft jedoch später das Krankheitsrisiko erhöht, hat dies einen geringeren Einfluss auf die Evolution. In der Vergangenheit erreichten viele Organismen schlichtweg nicht das Alter, in dem solche Folgen sichtbar wurden.

So entstehen zwei wichtige Mechanismen.

Der erste ist die Anhäufung später Mutationen. Wenn sich eine schädliche genetische Variante erst im Alter manifestiert, kann die natürliche Selektion sie weniger gut eliminieren.

Der zweite ist der Nebeneffekt von Genen, die in der Jugend nützlich sind. Ein und derselbe biologische Mechanismus kann im frühen Leben helfen, später jedoch schaden. Beispielsweise sind die mit Wachstum, Ernährung, Fortpflanzung und Geweberegeneration verbundenen Prozesse in der Jugend nützlich, doch im Alter kann ihre Funktion mit altersbedingten Störungen einhergehen.

Einfacher ausgedrückt: Der Körper wurde nicht für ein unendlich langes, gesundes Leben „konstruiert“. Er entwickelte sich als ein System, das in der Phase des Wachstums, des Überlebens und der Fortpflanzung gut funktionieren sollte. Heute erreichen jedoch immer mehr Menschen ein Alter, in dem die späten Nachteile dieses Systems sichtbar werden.

Die Autoren der Übersicht stellen fest, dass die heutigen Lebensbedingungen diesen Effekt verstärkt haben. Wir leben länger, bekommen weniger Kinder, erhalten medizinische Versorgung und überstehen Infektionen und Verletzungen besser. Daher sind altersbedingte Krankheiten zu einem markanten Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens geworden.

Warum dies wichtig ist

Diese Sichtweise hilft zu verstehen, warum Alterskrankheiten oft miteinander zusammenhängen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neurodegenerative Prozesse, Stoffwechselstörungen und andere altersbedingte Zustände können gemeinsame biologische Ursachen haben.

In der Übersicht wird auf die sogenannten Zeichen des Alterns eingegangen: DNA-Schäden, eine Verschlechterung der Mitochondrienfunktion, Störungen des Nährstoffstoffwechsels sowie die Anhäufung von beschädigten Proteinen und alternden Zellen. Viele dieser Prozesse werden durch uralte Signalwege reguliert, die bei verschiedenen Tierarten vorhanden sind.

Dies ist für die Medizin von Bedeutung, jedoch ohne Sensationscharakter. Die Wissenschaftler behaupten nicht, eine „Pille gegen das Altern“ gefunden zu haben. Vielmehr zeigen sie auf, warum ein und dieselben uralten biologischen Systeme mit mehreren altersbedingten Erkrankungen gleichzeitig in Verbindung stehen können.

Wenn man lernt, sanft auf solche allgemeinen Mechanismen einzuwirken, wird es in Zukunft möglich sein, nicht nur das Leben zu verlängern, sondern auch die Jahre zu vermehren, die ein Mensch bei guter Gesundheit verbringt.

Hintergrund

Die Idee des „Schattens der Selektion“ ist nicht neu. Klassische evolutionäre Theorien zum Altern erklären seit langem, dass die Kraft der natürlichen Selektion in der Regel mit zunehmendem Alter abnimmt. Doch mittlerweile verfügen Wissenschaftler über mehr Daten: Genome von Menschen und Tieren, große medizinische Datenbanken, Biomarker des Alterns und Untersuchungen molekularer Mechanismen.

Eine neue Übersichtsarbeit vereint diese Forschungsrichtungen. Sie zeigt, dass das Altern nicht durch einen einzigen Grund erklärt werden kann. Es wird beeinflusst durch Gene, die Umwelt, den Lebensstil, die Evolutionsgeschichte der Spezies, die Populationsgröße, das Alter bei der Geburt der Kinder und die heutige Lebenserwartung der Menschen.

Der Kerngedanke ist einfach: Alterskrankheiten sind nicht deshalb besonders auffällig geworden, weil bei den Menschen „plötzlich etwas schiefgelaufen ist“, sondern weil das moderne Leben uns weit über das Alter hinausgeführt hat, in dem die Evolution besonders strenge Selektionsmechanismen für Schutzmechanismen angewandt hat.

Quelle

Studie: Handan Melike Dönertaş, Linda Partridge, Evolutionary genetics of ageing, Nature Reviews Genetics, 2026.

Mykola Potyka

Mykola Potyka verfügt über ein breites Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen. Mykola schreibt auf interessante Weise über Dinge, die ihn interessieren.

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